Menschen mit Nazihintergrund

Bild von Dimitris Vetsikas auf Pixabay

Gastautor Martin Wähler Redaktion – 3. Juni 2021

Die derzeitige Diskussion um „importierten Antisemitismus“ verrät die deutsche Doppelmoral, wenn es um die eigene Geschichte geht. Antisemitismus war und ist zum Teil noch fest verankert in deutschen Familiengeschichten. Wenn wir Antisemitismus anklagen, dürfen wir uns unserer familiären Verantwortung nicht entziehen.

In meiner Familie war Antisemitismus tief verwurzelt. Vor drei Jahren fand ich in einer längeren Recherche heraus, dass mein Urgroßonkel ein beschuldigter Täter im Synagogenbrandprozess 1948 in Varel in Friesland war. Wie in so vielen Fällen damals konnten nicht alle Täter ausfindig gemacht werden. Man deckte sich gegenseitig. Ich weiß aber, dass er ein führender Kopf der NSDAP in dieser kleinen friesischen Stadt war und 1938, als die Synagoge der jüdischen Gemeinde brannte, vor Ort gewesen sein muss. Ich will mich gar nicht länger mit ihm beschäftigen. Es geht eher darum, dass sein familiäres Umfeld davon wusste.

Kurt wird 1939 in Oldenburg als Artillerist ausgebildet. © Martin Wähler

Und zwar vor und nach dem Krieg. Es wäre zu leicht, den Antisemitismus meiner Familie auf meinen Urgroßonkel Kurt zu beschränken. Vor dem Krieg war er bereits 1930 in die NSDAP eingetreten und engagierte sich 1928 im Jugendverband des Stahlhelms. Er kam aus einem bürgerlichen Haushalt. Rund um Oldenburg grassierte der Faschismus schon früh und konnte auf einen weit verbreiteten Antisemitismus im Bürgertum aufbauen. Nach dem Krieg erhielt mein Urgroßonkel seine alte Stelle im Wasserbau wieder, bis er seelenruhig verstarb. Kein Wort mehr über den Krieg und schon gar nicht über die Vernichtung der Jüdinnen und Juden.
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Importierter Antisemitismus

Wenn jetzt von „importiertem Antisemitismus“ gesprochen und diskutiert wird, lässt es mich jedes Mal erschaudern. Es ist der Grund, warum ich gerade kaum noch Nachrichten schaue, geschweige denn die Kommentarspalten lese. Ich lehne mich nicht weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass die meisten der bio-deutschen Medienschaffenden mit Studium und Abitur (genau mein soziales Milieu) sich nicht einmal ansatzweise mit der Nazi-Vergangenheit ihrer Familie auseinandergesetzt haben. Damit man mein erwähntes persönliches Beispiel nicht falsch versteht: Ich ziehe mich nicht aus der Verantwortung, nur weil ich mich mit meiner familiären Geschichte auseinandersetze. Ich möchte damit nur sagen, dass ich einer von sehr vielen Nachkommen der Täterinnen und Täter bin. Von diesen Beispielen gibt es etliche. Unsere Großeltern, Uronkel und -tanten, Opas und Omas (bei manchen vielleicht auch noch die Eltern) haben gemordet, geplündert, angezündet, entrechtet, geschlagen und Menschenrechte mit ihren Füßen getreten. Wir sind die Nachkommen einer Täterinnen-Generation, die eine faschistische Partei zur Macht verhalf, einen Weltkrieg mit unzähligen Toten anzettelte und schließlich sechs Millionen Jüdinnen und Juden industriell ermordeten. Und was wir auch noch ständig unterschlagen: Wir sind Nachkommen von Täterinnen und Täter, die nach dem Zweiten Weltkrieg zu 99 Prozent nicht belangt wurden. Genau wie ich also ein klassisches deutsches Mittelklassen-Beispiel bin, ist mein familiärer Nazihintergrund nichts besonderes.

Konzentrationslager Dachau 1945: Mit der Befreiung der Konzentrationslager sahen amerikanische, britische oder russische Soldaten zum ersten Mal mit eigenen Augen das ganze Ausmaß der Nazi-Gräuel. Die Militärs trafen nicht nur jubelnde Überlebende an, sondern fanden in den Lagerkrematorien Berge von nackten toten Körpern. Bild: Archiv RoterMorgen

Was machen diese Nachkommen jetzt? Sie echauffieren sich über den angeblich importierten Antisemitismus. Sie stimmen gemeinsam und ausgerechnet mit der AfD in den Chor ein, dass nun „Die Lunte hochgeht, die […] mit der Einwanderungspolitik“ (Beatrix von Storch 19. Mai) gelegt worden sei. Sie sind darin Expertinnen und Experten geworden, in jedem Protest für eine friedliche Lösung in Nahost Antisemitismus zu sehen. Als Konsequenz fordern sie Abschiebungen für Menschen aus der palästinensischen Community oder hüllen sich in israelische Fahnen. Es ist eine abstrakte Verquerung.
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Vor der eigenen Haustür kehren

Wenn Parteivertreterinnen und -vertreter jetzt zusammenkommen und davon sprechen, dass „wir vor der eigenen Haustür kehren müssen“ und mit „aller Härte des Rechtsstaats“ vorgehen sollen, meinen sie sicher nicht, rechte Netzwerke in der Polizei oder in der Bundeswehr zu bekämpfen. Sie sprechen auch nicht in aller Deutlichkeit an, dass der größte Teil aller antisemitischen Straftaten von rechtsextremen Deutschen ausgeht. Und sie meinen ganz sicher nicht, ihre Familiengeschichte genauer anzuschauen, oder sich zu fragen, woher das gute Silberbesteck von den Großeltern tatsächlich kommt. Es sind Auswüchse des ignoranten Bürgertums der deutschen Mehrheitsgesellschaft, die versucht, Antisemitismus mit antimuslimischen Rassismus bekämpfen zu wollen. All diejenigen mit Nazihintergrund stört das nicht – sie sind fein raus, denn sie haben am 9. November #weremember getwittert.

Symbolbild rechtes Netzwerk in der Bundeswehr. Quelle: IMI

Nach einer repräsentativen Studie der Universität Bielefeld und der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft berichten lediglich 18 Prozent der befragten Deutschen von einer Mittäterschaft ihrer Verwandten während der nationalsozialistischen Diktatur. Genauso viele behaupten, dass ihre Verwandten potenziellen Opfern geholfen hätten. Nach Auffassung der Nazi-Nachkommen gab es also genauso viele Wiederstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer wie Nazis. Das öffentliche Gedenken an die Opfer des Zweiten Weltkriegs ersetzt eben nicht das Persönliche. Im Gegenteil: Die öffentliche Inszenierung dient als Entlastungsritual. Deutschland, der Weltmeister der Aufarbeitung.

Max Czollek („Desintegriert Euch!“) nennt das Versöhnungstheater. Kurz zusammengefasst bedeutet das, dass es in der deutschen Erinnerungskultur nicht um eine Verhinderung der Geschichte geht. Die deutsche Seite leistet Erinnerungsarbeit, weil sie sich davon etwas verspreche, um sich als „gutes und geläutertes Deutschland neu erfinden zu können“. Czollek: „Als sei die lang überfällige Beschäftigung mit den diversen deutschen Gewaltgeschichten unmittelbar an Versöhnung gekoppelt, die Aufarbeitung an die Bewältigung, das Eingeständnis von Schuld an die Begnadigung durch die Überlebenden.“

Die Erinnerungskultur soll letztlich in einer neuen Normalität übergehen. Und allem Anschein nach funktioniert das auch. Fragt man meine Nazi-Nachkommen-Generation in ein paar Jahren, ob es Mittäterschaft in der Familie gab, sind wir wahrscheinlich schon bei null Prozent anstelle von 18.
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Eigene Geschichte wird verleugnet

Auch ich gehe seit 2018 mit meiner Familie an jeden 9. November zum jährlichen Gedenkgang der Pogrome von 1938 in Varel. Ich will diese Initiativen, die es vielfach in ganz Deutschland gibt, nicht schlecht reden. Sie sind und bleiben wichtig. Meine Nazi-Nachkommen-Generation hat es sich nur zu einfach gemacht. Sie suhlen sich in ihrer moralischen Erhabenheit. Die derzeitige Erinnerungskultur hat jede individuelle Auseinandersetzung mit der Täterschaft der Vorfahren und deren Antisemitismus unmöglich gemacht. Jeder Bezug zu Nazis in der eigenen Familie wird dadurch immer schwerer und am Ende sogar verleugnet. Es ist zur Normalität geworden zu denken, nach 1945 hätte es keine Nazis mehr gegeben. Bisweilen gibt es sogar eine Tendenz zum eigenen Opfernarrativ. Viele Deutsche mit Nazihintergrund wollen plötzlich Opfer von Bombenkrieg sein, von Flucht oder Vertreibung. Bis wir eben am Ende alle am 8. Mai befreit wurden. Mein Urgroßonkel wurde nicht befreit. Er kam in ein Gefangenenlager für NSDAP-Funktionäre (aus dem er nach zwei Jahren ohne Konsequenzen entlassen wurde). Bei den Reichen wechselten lediglich die Auftraggeber. Quandt, Thyssen, Bahlsen … sie alle konnten weiter produzieren.

2020: Lothar Bredemeyer, DGB-Kreisverbandsvorsitzender (links) und Varels Bürgermeister Gerd-Christian Wagner legten am Synagogendenkmal an der Osterstraße einen Kranz nieder. Bild: gemeinde Varel

Als ich gerade meine Recherche zu meinem Nazihintergrund veröffentlich hatte, rief mich meine Tante an, um mit mir darüber zu sprechen. Es folgte kein interessiertes Gespräch an meiner Recherche oder wie wir noch mehr Geheimnisse lüften könnten, nein. Es folgte der Vorwurf, ich würde sie mit Nazis in Verbindung bringen. Was ja richtig war. Wie konnte ich es nur wagen, das öffentlich auszusprechen? Es ist wie mit dem Geld: Über den Nazihintergrund spricht man nicht, man hat ihn. Diese Reaktion ist symptomatisch. Wir haben gelernt, es nicht anzusprechen, und man sollte bloß nicht in die Nähe von Nazis gerückt werden. Wenn der Nazi in der Familie nicht verleugnet werden kann, dann war Opa eben nur Mitläufer, der es nicht besser wusste. Falls Opa noch im Weltkrieg war, war er bloß Funker oder LKW-Fahrer.

Es war schon immer ein Tabu in der Familie, darüber Fragen zu stellen. Im gegenwärtigen deutschen Narrativ sind die Nazis oder die Antisemiten die Hitlers, Goebbels, Görings, Mengeles oder Freislers, die in Institutionen wie der NSDAP oder SS gewesen sind. Fertig. Doch damit muss endlich Schluss sein. Wenn wir uns mit der Geschichte unserer Familien auseinandersetzen, dann beschäftigen wir uns auch mit der Entstehung und der Bedeutung von Faschismus, Antisemitismus oder Rassismus. Unsere Vergangenheit ragt in die Gegenwart und wird relevant für das Heute. Persönliche Aufarbeitung der Familiengeschichte ist gelebter Antifaschismus. Antisemitismus und Demokratiefeindlichkeit bekämpfen wir unter anderem in unseren Familien – dort, wo er zum größten Teil herkommt.

Martin Wähler, Linksaktivist und Antifaschist
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Erstveröffentlichung am 3. Juni 2021 auf »Die Freiheitsliebe«. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers. Bilder und Bilduntertexte wurden ganz oder zum Teil von der Redaktion »RoterMorgen« hinzugefügt.

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1 Kommentar

  1. So ehrlich habe ich noch niemand gehört. Meinen Vater kann ich nicht fragen, er ist 1941 gefallen. Ich bin 1940 geboren. Es ist mir nicht egal, ob er Menschen getötet hat. Meine Mutter glaubte es nicht. Vielleicht ist er unschuldig gestorben, aber es ist gut, dass es unklar bleibt.

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