Hat Afrikas Jugend eine Zukunft in Europa?

Nico Diener – 29. Juli 2020

Ein Leserbeitrag von Goodwell Nzou in einer großen Tageszeitung der USA “In Zimbabwe weinen wir nicht um Löwen” hat extrem heftige Reaktionen hervorgerufen – weniger seine provokative Aussage, als seine Gegenüberstellung, dass um einen Löwen getrauert wird, nicht aber um die vielen Opfer der Migration und der Flucht.

Die fortwährende Ausblendung der realen Fluchtursachen in den bürgerlichen Medien feuert auch hier rassistische Aussagen von uninformierten Menschen an und führt zu einem völlig falschen Bild über Flucht und Migration.

Die Deutsche Welle berichtete bereits am 24. April 2016 über die Flucht aus Afrika nach Europa, unter dem Titel:  »Hoffnung Europa: Woher kommen die afrikanischen Flüchtlinge?«

In dem Beitrag heißt es unter anderem:

Auf dem Weg über das Mittelmeer, von Nordafrika nach Italien, kommen vor allem afrikanische Flüchtlinge nach Europa. Was treibt sie in die Flucht?
Etwa drei Fünftel der Flüchtlinge, die im Jahr 2015 in Italien registriert wurden, stammen aus Eritrea, Nigeria, Somalia, Sudan, Gambia und dem Senegal.

  1. Eritrea: Willkürliche Verhaftungen, Folter, Armut und Perspektivlosigkeit treiben die Menschen in die Flucht. Oft sind die Flüchtlinge junge Männer, die dem Militärdienst entgehen wollen. 18 Monate dauert der offiziell, doch in der Praxis wird der Wehrdienst immer wieder unbefristet verlängert. Insgesamt waren laut UNHCR im Juni des Jahres 2015 mehr als 380.000 Eritreer auf der Flucht.
  2. Nigeria: Seit die Weltmarktpreise für Öl im Keller sind, steigen die Lebenshaltungskosten und die Arbeitslosigkeit. Tausende Nigerianer verlassen auf der Suche nach einer Perspektive und einem gesicherten Einkommen das Land.

Vor dem Sturz Muammar al-Gaddafis arbeiteten zahlreiche Nigerianer in Libyen. Seit dem Zusammenbruch der staatlichen Ordnung in Libyen sehen sie sich häufig rassistischen Übergriffen, Verfolgung und Zwangsarbeit ausgesetzt. Die Flucht nach Europa erscheint vielen als einziger Ausweg.

  1. Somalia: Der andauernde Bürgerkrieg, Hungersnöte und fehlende Perspektiven haben zahllose Somalis in die Flucht getrieben. Vor allem die islamistische -Al-Shabaab-Miliz terrorisiert die Bevölkerung, auch im Nachbarland Kenia hat die Gruppe immer wieder Anschläge verübt. Trotz einiger militärischer Erfolge von Truppen der Afrikanischen Union und der regulären somalischen Streitkräfte hat Al-Shabaab Teile Somalias fest im Griff. Zwangsrekrutierungen und Menschenrechtsverletzungen durch die Islamisten sind die am häufigsten genannten Fluchtgründe.
  2. Gambia: Seit mehr als zwanzig Jahren herrscht ein Despot. Folter wird als übliches Mittel der Strafverfolgung eingesetzt, willkürliche Verhaftungen sind eine permanente Bedrohung für die Bevölkerung.

Mehr als die Hälfte der Gambier lebt unterhalb der Armutsgrenze. Einziges nennenswertes Exportprodukt sind Erdnüsse, wirtschaftlich ist das Land auf Geldtransfers aus der Diaspora angewiesen. Vor allem junge Gambier machen sich auf die Flucht.

  1. Sudan: Die Regierung führt seit Jahren in mehreren Teilen des Landes Krieg gegen verschiedene Rebellengruppen. Übergriffe auf die Zivilbevölkerung und die Verfolgung ethnischer Minderheiten treiben die Menschen in die Flucht.
  2. Senegal: Fast zwei Drittel der Bevölkerung im Senegal sind noch keine 18 Jahre alt. Immer mehr junge Menschen drängen auf den Arbeitsmarkt – ihre beruflichen Perspektiven sind sehr begrenzt. Auf der Suche nach Arbeit und in der Hoffnung, ihre Familien unterstützen zu können, machen sich tausende junge Senegalesen auf den Weg nach Europa.

Mangelndes Wissen und falsche Informationen über das Leben in Europa verstärken diese Dynamik. Inzwischen ist Migration für viele zu einem Modell sozialen Aufstiegs geworden. Doch in Europa bleibt den sog. „Wirtschaftsflüchtlingen“ meist oft nur die Illegalität. Ausbildungsplätze für die afrikanischen Kollegen gibt es bei uns kaum.

Fachkräftemangel besiegen, Renten sichern und die Überalterung der Gesellschaft bremsen. All das sollen – vor allem – junge Flüchtlinge leisten, jedenfalls, wenn man der Bundesregierung, allen voran Ex-Arbeitsministerin Andrea Nahles und Ex-Außenminister Frank-Walter Steinmeier schon 2017 (beide SPD), zuhörte. Bild: YoTube

Die Ursache für Flucht ist immer und eindeutig die kapitalistische Gesellschaftsordnung, die im größten Teil unserer Erde herrscht. Im Zeitalter des Imperialismus bestimmt nur eine kleine Gruppe von profit- und machtgierigen Individuen, wer hungert und wer Brot hat. Die Herrschenden aus den Vorstandsetagen der Banken und Konzerne haben mit ihren Marionetten in den Parlamenten die Welt so geordnet, dass immer im Sinne ihres Herrschaftsanspruches entschieden wird. So wird das Volk in Europa, soweit mit Lebensmittel gefüttert das es ruhig bleibt, und das es denkt, das ihr angeblicher Wohlstand durch ihre Hände Arbeit entstanden ist. Wer nicht hungern muss, hält das Maul und tastet die Alleinherrschaft des Kapitals nicht an. Um hier diesen Scheinwohlstand vorgaukeln zu können, müssen Millionen Klassenbrüder in Afrika hungern. Ihre Länder werden fast ausnahmslos dazu benutzt, um Tierfutter zu erzeugen das dann nach Europa und Amerika geschafft wird.
Aber auch die örtlichen Despoten und Stammesfürsten leisten, oft in Kooperation mit internationalen Konzernen ihren Beitrag für den Hunger vor ihrer Tür.
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► Info-Empfehlung: Tageszeitung, taz.de, 26.07.2020: So wird Afrikas Fisch geplündert. Eine isländische Firma besticht in Namibia Politiker, um Fischgründe zu sichern. Die taz präsentiert die Recherche von Al Jazeera exklusiv auf Deutsch.

►Info-Empfehlung: Kritik der Migration: Wer profitiert und wer verliert – Hannes Hofbauer.

►Info-Empfehlung: Dok-Film „Anatomy of a Bribe

Der Film: Im Jahr 2019 tat sich das Investigativteam von Al Jazeera mit Wikileaks und dem isländischen öffentlich-rechtlichen Staatsfernsehen zusammen, um Korruption in Namibias Fischerei aufzudecken.

Auf der Grundlage interner Dokumente, die ein Whistleblower geleakt hatte, wurde belegt, wie das isländische Fischereiunternehmen Samherji Millionen US-Dollar Schmiergelder an zwei namibische Minister und Menschen in deren Umfeld zahlte. Al Jazeera arbeitete auch undercover und erfand deshalb einen Investor, um aufzudecken, wie die Korruption funktioniert. Die taz veröffentlicht die Recherche von Al Jazeera exklusiv auf Deutsch. Zeitgleich veröffentlicht Al Jazeera den dazugehörigen Film „Anatomy of a Bribe“ am Montag, 27. Juli, erstmals mit deutschen Untertiteln. Die Sprache der Unteritel muss man in den Einstellungen des youtube-Videos auswählen.

Die Folgen: Die Enthüllungen führten in Namibia zu einem gigantischen politischen Skandal mit Rücktritten und Festnahmen. Demnächst beginnt dort gegen mehrere Verantwortliche der Prozess.

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Danke für die redaktionelle Unterstützung durch Reinhold Schramm.

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Dabei muss es sich nicht grundsätzlich um die Meinung der Redaktion handeln.

Lest dazu auch:

Klassenbrüder in Seenot




L.

2 Kommentare

  1. Seenotretter und Migrationspolitik für Oligarchen und Konzerne.

    Kommentar
    [unter SPON- Zensur]

    ►Seenotrettung im Interesse der Oligarchen und Konzerne!

    Seenotretter:innen und die Migrationspolitik forciert die soziale Flucht der widerstandsfähigen Jugend aus den südlichen Armutsregionen nach Westeuropa.

    Seenotretter:innen dienen den korrupten Eliten in den Herkunftsländern und den internationalen Konzernen mit der Entsorgung eines möglichen Jugendwiderstands nach Westeuropa bei der möglichst ungestörten Plünderung von Rohstoffen und Bodenschätzen in den Entwicklungsländern.

    ►Seenotretter:innen – auch im Mittelmeer – sind die Hilfstruppe für die Plünderung und Ausbeutung der Entwicklungsländer!

    PS: Mit der Entsorgung der Jugend befördern sie zugleich – stets von den bürgerlichen Gutmenschen und Evangelikalen nicht eingestanden – die in Seenot und Lebensgefahr geratenen Menschen bei deren Flucht (übers Mittelmeer) ins europäische Konsumparadies.

    Vgl. Sea Watch 3: Italienische Küstenwache holt verletzte Menschen von Rettungsschiff – DER SPIEGEL
    Nur Mut zur objektiven Berichterstattung und journalistischen Wahrheit in der BfV und SPIEGEL Zensurabteilung! (?)

  2. Hoffnung Afrika? Davonlaufen ist keine Lösung!

    »Hoffnung Afrika? | „Es geht darum, die Länder offen für westliche Überproduktion zu halten, keine eigenen Veredlungsindustrien zuzulassen, die in Konkurrenz zu eigenen Industrien geraten könnten, und es geht darum billig Rohstoffe direkt selbst schürfen zu können.“«

    Ein Standpunkt von Jochen Mitschka auf apolut.*

    Info-Kommentar

    Davonlaufen der afrikanischen Jugend nach Europa,
    das ist keine Lösung für die (individuellen) sozialen Probleme!

    Das revolutionäre Klassenbewusstsein fällt nicht vom christlichen und islamischen Himmel, auch nicht in Afrika.

    Ohne sozialrevolutionäre Bewegung keine gesellschaftspolitische Umwälzungen in Afrika. Ebenso wenig in Nahost, Asien (einschließlich nicht in China und Indien), Mittel- und Südamerika. Aber auch nicht in Nordamerika, Japan und Europa. So aber auch nicht, im Traumland großer Teile der afrikanischen Jugend, im imperialistischen deutschen Schlaraffenland und Konsumparadies: Deutschland. Analog: Schweiz, Österreich, Frankreich, Benelux und Skandinavien.

    Fazit: „Aber natürlich ist genau das nicht im Interesse der westlichen Kolonialstaaten.“ ==

    Dass die Jugend in den Ländern der (afrikanischen) Oligarchen und Rohstofflieferanten rebelliert und vor Ort bleibt, um die heimischen Oligarchen und korrupten Eliten von der Macht gewaltsam zu beseitigen!

    Zur G e w a l t f r a g e
    von Clara Zetkin
    Gegen den Pazifismus (Auszug)

    “Der Pazifismus ist seinem Wesen nach bürgerliche Sozialreform, ist eine spezifische Form der bürgerlichen Sozialreform und ebenso ohnmächtig wie diese, die Widersprüche, Gegensätze und Übel des Kapitalismus zu überwinden.“

    “Um sich von der Ausbeutung und Unterdrückung zu befreien, muss die Arbeiterklasse der Bourgeoisie nicht bloß die Produktionsmittel des Lebens entreißen, sondern auch die Produktionsmittel des Todes. Gewalt lässt sich nicht wegdisputieren und nicht wegbeten. Gewalt kann nur durch Gewalt gebrochen werden. Das sprechen wir Kommunisten offen aus, nicht weil wir ‘Anbeter der Gewalt’ sind, wie sanfte bürgerliche und sozialdemokratische pazifistische Gemüter uns beschuldigen. Nein, wir beten die Gewalt nicht an, jedoch wir rechnen mit ihr, weil wir mit ihr rechnen müssen. Sie ist da und spielt ihre geschichtliche Rolle, ob wir wollen oder nicht.

    Es fragt sich nur, ob wir sie widerstandslos erdulden oder ob wir sie kämpfend überwinden wollen.“

    Quelle: Clara Zetkin, Gegen den Pazifismus. Aus der “Kommunistischen Fraueninternationale“ 1922.

    * Vgl. auf apolut.: https://apolut.net/hoffnung-afrika-von-jochen-mitschka/

    25.05.2022, R.S. (Zusammenfassung)

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