Joseph Dietzen (9.12.1828 – 15.4.1888)

Die Volkskorrespondenz zum Wochenende
Heinz Ahlreip – 22. Januar 2022

Heinz Ahlreip

Auf den ersten Blick ist es erstaunlich, dass sich ein Handwerker aus dem Streben heraus, eine freie Menschheit Wahrheit werden zu lassen, so seine eigenen Worte, der Lösung zentraler Probleme der Philosophie zuwendet und in sie einkehrt. Dieser Ausnahmedenker (Ausnahmedenker unter bürgerlichen Verhältnissen wohlgemerkt) war der am 9. Dezember 1828 in Blankenburg bei Köln geborene Joseph Dietzgen, der seinen Lebensunterhalt als Lohngerber verdiente. Diesem Handwerker hat die Arbeiterklasse viel zu verdanken, denn der Lohgerber beweist, dass man nicht nur die Grundfrage der Philosophie: Materialismus oder Idealismus? als Mann des Handwerks richtig beantworten kann, der Autodidakt, der nie eine bürgerliche Universität von innen gesehen hat, entwickelte unabhängig von Hegel, Marx und Engels eine völlig korrekte materialistische Dialektik. ‘Dietzgen, das ist unser Philosoph‘, pflegte Marx zu sagen. In der Regel “pilgerten“ proletarische Revolutionäre zum ‘Grandchef der Internationale‘ nach London (A. Bebel, W. Liebknecht), wie hoch Dietzgen bei Marx im Ansehen stand, wird schon allein aus der Tatsache sichtbar, dass Marx ihn im Herbst 1869 in Siegburg besucht hat.

Joseph Dietzen

Sehr tiefe Einsichten hat Dietzgen über das Verhältnis von Hand- und Kopfarbeit erarbeitet, der Titel seines Erstlingswerkes aus dem Jahr 1869, der Autodidakt aus armen Verhältnissen sucht erst im Alter von 41 Jahre das mitunter grelle Licht der Öffentlichkeitalt, trägt eindeutig programmatischen Charakter: ‘Das Wesen der menschlichen Kopfarbeit, dargestellt von einem Handwerker‘. Der proletarische Handarbeiter weist nach, dass hinter den im Namen der Allgemeinheit vertretenen angeblich gesellschaftswissenschaftlichen Aussagen der bürgerliche Kopf“arbeiter“ bornierte Klasseninteressen einer Minderheit stecken. Zu Recht betont der Handwerker die wesentliche Bedeutung der Praxis im Erkenntnisfortschritt. “Es ist das Bedürfnis, die Arbeit ergiebiger zu machen, was zu Wissenschaft und Bildung treibt. In zweiter Linie wirkt dann die Bildung allerdings sehr erheblich zurück auf die produktivere Verwendung der Arbeit“ (Joseph Dietzgen, Das Wesen der Kopfarbeit, Werke, Band 1, Berlin, 1961,338).  Das ‘in zweiter Linie‘ deutet daraufhin, dass eine Einkehr in das Haus des Idealismus oder gar in die vorsintflutliche Höhle der Denkweiselehrer ausgeschlossen bleibt. Der materialistisch-wissenschaftlichen Linie bleibt er bis an sein Lebensende treu, er überlebt Marx (gestorben 1883) um fünf Jahre.

Auf ihn geht der Satz zurück, der in jedes Merkheft einer jeder klassenbewussten Arbeiterin und eines jeden klassenbewussten Arbeiters gehört, dass sich die bürgerlichen Professoren der Philosophie in der Mehrheit der Fälle als “diplomierte Lakaien der Pfafferei“ erweisen, sobald man sie ins Licht des wissenschaftlichen Materialismus hält. (Vergleiche Lenin, Über die Bedeutung des streitbaren Materialismus, in: Lenin, Ausgewählte Werke, Progress Verlag, Moskau, 1975,725). In dieser Schrift vom 12. März 1922 stellt Lenin Dietzgen mit seiner scharfen Pfaffencharakteristik als Vorbild für alle Intellektuellen hin.

“Unser Philosoph“ hat die Kompassnadel für den ideologischen Kampf richtig geeicht, wir würden ohne diese Notwendigkeit, das bürgerliche Schrifttum mit Hilfe der Klassiker auszuleuchten, von einer Teufelsküche der Weltweisheit in die andere geraten. Am Ende schwirrt der Kopf. Wohin soll uns der Kompass leiten? Zum Kommunismus natürlich, und auf dem Gebiet der praktischen Politik hat Dietzgen zwei unverrückbare Pflöcke eingeschlagen, Etappen auf dem Weg zum Ziel: Erstens die Notwendigkeit einer revolutionären Arbeiterpartei und zweitens die der allgemeinen Volksbewaffnung, wobei er auf eine harte militärische Stärke der Diktatur der Arbeiterklasse setzt. 

Wir haben vor kurzem nach der pseudodemokratischen Bundestagswahl im Herbst 2021 erlebt, dass die Mehrheit der bürgerlichen Ministerinnen und Minister sich als Lakaien der Pfafferei erwiesen haben und ihrem Diensteid afterleckend die überflüssige, sie in wissenschaftlicher Hinsicht sofort disqualifizierende Floskel ‘So wahr mir Gott helfe‘ zufügten.  Hier liegt nun ohne Zweifel eine wissenschaftliche Reifeverzögerung vor. Aber noch mehr. Politik drückt immer aus, dass inhumane gesellschaftliche Verhältnisse existieren. Der preußische Generalmajor Carl von Clausewitz bezeichnete sie als Vorform des Krieges und die Klassiker haben ihn nicht widerlegt, sondern bestätigt. Erst Chruschtschow fing mit dem Werfen von Nebelkerzen an, als könnte es so etwas wie eine Politik um die Politik willen geben. Erst durch die Religion mit ihren Sado-Maso-Mechanismen wird Politik etwas Schicksalshaft-Unabänderliches und “unsere“ bürgerlich-christlichen Politikerinnen und Politiker sind auch mit einem Universitätsdiplom mental nicht weiter als die Analphabeten zur Zeit des Absolutismus. Aus irdischen Wurzeln lässt sich Politik überhaupt nicht herleiten und aus weltlicher Sicht kann nicht verständlich gemacht werden, warum es kapitalistische Herren- und lohnabhängige Untermenschen geben muss.

Über den Autor:
Heinz Ahlreip, geb. am 28.2.1952 in Hildesheim. Studium in den Fächern Philosophie und Politik an der Leibniz Universität Hannover von 1975 bis 1983, Magisterabschluß mit der Arbeit „Die Dialektik der absoluten Freiheit in Hegels Phänomenologie des Geistes“. Schwerpunkte der Forschung: Französische Aufklärung, Jakobinismus, französische Revolution, Politische Philosophie Kants und Hegels, Befreiungskriege gegen Napoleon, Marxismus Leninismus, Oktoberrevolution, die Kontroverse Stalin – Trotzki über den Aufbau des Sozialismus in der UdSSR, die Epoche Stalins, insbesondere Stachanowbewegung und Moskauer Prozesse.

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