Nie mehr schweigen, wenn Unrecht geschieht!

Redaktion – 10. Juli 20

In der vergangenen Nacht ist mit Esther Bejarano eine mutige Frau, große Antifaschistin, Antikapitalistin, Revolutionärin, Antizionistin und Musikerin verstorben. Die Nationalsozialisten wollten ihr Leben früh beenden. Doch ihr gelang die Flucht, und so führte sie ein langes Leben, erfüllt von ihrer Liebe zur Musik und ihrem unermüdlichen Antifaschismus.

Am 10. Juli 2021 ist die Genossin Esther Bejarano im Alter von 96 Jahren in Hamburg an einer schweren Krankheit verstorben. Esther Bejarano hat die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus mit ihrem unermütlichen Einsatz geprägt, verändert und wiederbelebt. Sie hat sich vor allem an die Jugend gewandt und zigtausende als Rapperin, selbst als sie schon über 90 war, begeistert. Sie pflegte stets die traditionellen der antifaschistischen Lieder und hat sie für die Jugend geöffnet und in die heutige Zeit transportiert. Mit ihren Erfahrungen war sie zugleich ein lebendiges politisches Mahnmal gegen den immer weiter wachsenden Faschismus in Verkleidung und Gestalt der AfD, aber auch vieler anderer brauner Gruppen und Organisationen. Esther Bejarano hatte die Begabung, Menschen unterschiedlicher politischer und ideologischer Überzeugungen für das gemeinsame Ziel, den Kampf gegen Faschismus, Rassismus und Krieg zu vereinen.

Lesung und Konzert mit der Microphone Mafia. 2919 im Jugendzentrum P-Werk in Blieskastel

Die Genossin Esther war kein Superstar, im Gegenteil, sie trat immer bescheiden auf, denn ihr war nicht wichtig, dass sie auf der Bühne stand. Ihr ging es um das Ziel über allem. Damit ist sie ein Vorbild! Für die Jugend und allen nach Freiheit und wahrer Demokratie strebenden Menschen. Sie war das Gegenbild zu den von der kapitalistischen Gesellschaft geprägten Egozentrikern. Sie war eine durch den antifaschistischen Kampf geprägte, kollektiv denkende und handelnde Frau!
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Nie mehr schweigen, wenn Unrecht geschieht!

Das war Esters Aufforderung an uns alle. So lasst uns die Trauer über den Tod der Genossin Esther nutzen, um gemeinsam und kampfentschlossen tagtäglich für eine antifaschistische Gesellschaft in der „der Schoß, aus dem das kroch“ für immer von dieser Welt verbannt ist. Esther Bejarano ist zwar gestorben, aber ihr Werk wird weiterleben. Es ist in die Herzen und Hirne zigtausender Menschen eingegangen und wird dort weiter wirken. Viele ihrer Auftritte gibt es weiterhin auf YouTube und anderen Plattformen, wo sie auch in Zukunft zigtausende begeistern wird. Ihre Schriften werden weiter verbreitet werden.

Wir verneigen uns vor der großen Antifaschistin, Demokratin und Antikapitalistin Esther Bejarano und werden sie immer als Vorbild lebendig in Erinnerung halten. Lasst uns in ihrem Geiste gemeinsam weiter kämpfen gegen Faschismus, Rassismus und Krieg!

Redaktion RoterMorgen, Hamburg 10. Juli 2021

 

Esther signiert am Rande der Rosa-Luxemburg-Konferenz in Berlin ihre 2016 erschienen Erinnerungen.

 

Nachfolfend veröffentlichen wir in Auszügen den den von Olga Wolf erstellten Nachruf auf Esther Bejarano. Unser Dank geht an die Genossen/innen von »perspeltive-online« für die Veröffentlichungsrechte. Die Bilder und Bildunterschriften wurden von der Redaktion RoterMorgen hinzugefügt.

Esther Bejarano wuchs mit ihrer Familie in einer jüdischen Gemeinschaft auf. Sie selbst beschrieb: „Mit der Religion habe ich nichts zu tun. Aber kulturell hat mir das Aufwachsen in einem jüdischen Elternhaus viel gebracht. Die Liebe zur Musik; ich bin nicht zufällig Sängerin geworden.“. Dass die Familie als „halb-jüdisch“ galt, erschwerte ihre Ausreise, als die Nationalsozialisten die Macht erlangten. So konnte ein Teil der Familie ausreisen – sie, ihre Schwester und Eltern konnten es jedoch nicht.

1941 ermordeten die Hitler-Faschisten Esther Bejanaros Eltern in Kowno, ein Jahr später ihre Schwester in Auschwitz. Sie beschrieb in einem Interview, wie sie von diesen Morden erfuhr:

„Ich wusste zunächst nicht, wie meine Eltern umgekommen sind; ich habe es erst später erfahren. Ich fand ihre Namen in einem Buch, in dem die Transporte von Breslau nach Kowno aufgelistet waren. Die Nazis haben ja ihre Verbrechen bürokratisch festgehalten. Und wenn ich mir vor Augen führe, dass meine Eltern sich in einem Wald nackt ausziehen mussten, man sie mit anderen Opfern in einer Reihe aufgestellt, dann einfach abgeknallt hat und sie dann in einen Graben gefallen sind – das ist für mich das Schlimmste und viel grauenhafter als all das, was ich in Auschwitz erlebt habe.“
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Zeit in Auschwitz und Ravensbrück

Esther wurde in verschiedene Arbeitslager transportiert, bis schließlich im April 1943 ihre Deportation nach Auschwitz stattfand. Dort verrichtete sie zunächst schwere körperliche Arbeit. Kurz darauf konnte sie jedoch ins Mädchenorchester wechseln. Dafür eignete sie sich innerhalb kürzester Zeit das Akkordeon-Spiel an und wechselte nach einer Krankheitsphase zur Blockflöte. Später beschrieb sie diese Arbeit im Orchester als furchtbar, denn sie wusste, sie spielte das „Todeslied“ für Deportierte. Doch bedeutete ihr Einsatz im Orchester auch, dass sie besser mit Lebensmitteln versorgt wurde.

Nach einer weiteren langen Krankheitsphase wurde Esther als „viertelarisch“ anerkannt. Es folgte ihre Verlegung ins KZ Ravensbrück und die Zwangsarbeit für Siemens. Ab dem Jahr 1945 sollte sie nicht mehr den sogenannten Judenstern tragen, sondern musste sich als politische Gefangene mit dem „roten Winkel“ kennzeichnen. Der rote Winkel auf gestreiftem Hintergrund – symbolisch für die Kleidung der KZ-Häftlinge – stellt auch das Emblem des VVN-BDA dar. In dieser „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund des Antifaschistinnen und Antifaschisten“ engagierte Esther sich später. Sie ist bis heute Ehrenpräsidentin des VVN-BDA und kämpfte gegen die aktuelle Repression gegen den Verein.
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Erfolgreiche Flucht

Als die Alliierten immer weiter vorrückten, organisierten die deutschen Faschisten die inzwischen sogenannten „Todesmärsche“. Häftlinge in Lagern, die nahe den Reichsgrenzen waren, wurden ins Reichsinnere getrieben. Todesmärsche heißen diese Umzüge, weil viele sie nicht überlebten. Sie verhungerten oder erfroren, starben an Erschöpfung oder gerieten unter Beschuss.

Esther gelang es mit einigen Freundinnen aus dem KZ, auf diesem Todesmarsch zu fliehen. Sie versteckte sich, kam unter und nannte später den 3. Mai ihren zweiten Geburtstag. An diesem Datum befreiten Soldat:innen der Roten Armee und der US-Armee die Geflüchteten endgültig.

Sie reiste nach Palästina aus, machte eine Ausbildung zur Sängerin und gründete eine Familie. Die Musik verband sie immer auch mit ihrem politischen Einsatz, etwa wenn sie mit ihren Kindern Lieder aus dem Ghetto aufführte. 1960 kehrte sie nach Deutschland zurück. Sie beschreibt die Einreise selbst als Rückkehr, aber noch nicht als Heimkehr, und erklärte noch vor vier Monaten: „Solange es hier Nazis gibt, kann ich nicht sagen, Deutschland ist meine Heimat.“.
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Gegen den Faschismus in Deutschland

Auf ihre Rückkehr folgten Jahrzehnte des entschlossenen und vielfältigen Einsatzes gegen den Faschismus und das Vergessen. Sie trat mit verschiedenen antifaschistischen Bands auf, engagierte sich im VVN-BDA und begegnete Schüler:innen als Zeitzeugin, die immer wieder Appelle an die jüngere Generation richtete: „Ihr seid nicht schuld an dieser schrecklichen Zeit, aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts über die Geschichte wissen wollt.“

1982: Beim Konzert „Künstler für den Frieden“ steht Bejarano als Sängerin auf einer Bühne mit Harry Belafonte (v.l.), Hannes Wader und André Heller.
© „Esther Bejarano: Erinnerungen“, Laika Verlag, Hamburg

Ihre Botschaften an die nachfolgenden Generationen sind vielzählig und unmissverständlich. Es war ihr ein besonderes Anliegen, alle, die nach ihr kommen, an die Verbrechen der Vergangenheit zu erinnern, damit sie die der Gegenwart bekämpfen und eine bessere Zukunft erschaffen können. Zuletzt möchte ich an dieser Stelle wiedergeben, was Esther Bejarano einmal, gemeinsam mit Peter Gingold, selbst als ihr Vermächtnis an die nachfolgenden Generationen formuliert hat.

So schrieb sie 1997 gemeinsam mit Gingold, der ebenfalls als Widerständiger den Hitler-Faschismus überlebte:
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„Appell an die Jugend“

„Der Nazihölle entronnen, dem so genannten »Tausendjährigen Reich«, das für uns tatsächlich wie tausend Jahre war, jede Stunde, jeden Tag den Tod vor den Augen. Diese entsetzliche Zeit hinter uns, träumten wir von einem künftigen Leben ohne Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus und Militarismus. Wir wollten, dass unsere unmenschlichen Erfahrungen eine Warnung für die Nachwelt sein würden. […]

Esther 2015 bei einer Lesung vor 900 Schülern in Fulda.

Wir setzen auf eine Jugend, höllisch wachsam gegen alles, das wieder zu einer ähnlich braunen Barbarei führen könnte; eine Jugend, die nicht wegsieht, wo Unrecht geschieht, wo Menschenrechte verletzt werden; eine Jugend, die sich in die Tradition des antifaschistischen Widerstandes zu stellen vermag, eine Jugend, die diese Tradition aufnimmt und auf ihre eigene Art und Weise weiterführt. Wir glauben, dass dafür eure Herzen brennen können, dass euer Gewissen nicht ruhen wird.

Lasst euch nicht wegnehmen, was ihr noch an demokratischen und sozialen Errungenschaften vorfindet. Lasst sie nicht weiter abbauen! Von keinem Regierenden sind sie euch geschenkt worden: Es sind vor allem die Errungenschaften des antifaschistischen Widerstandes, der Niederringung des Nazifaschismus. Verteidigt, was ihr noch habt, verteidigt es mit Klauen und Zähnen! […]

Übernehmt ihr nun diesen immer noch zu erfüllenden Auftrag: ein gesichertes menschenwürdiges Leben im friedlichen Nebeneinander mit den Völkern der Welt! Sorgt dafür, dass aus der Bundesrepublik ein dauerhaftes, antifaschistisches, humanes, freiheitliches Gemeinwesen wird, in dem einem Wiederaufflammen des Nazismus, nationalem Größenwahn und rassistischen Vorurteilen keinen Raum mehr gegeben wird. Wir vertrauen auf die Jugend, wir bauen auf die Jugend, auf euch!“

Immer wieder erneuerte Esther Bejarano diesen Appell. Von jetzt an begleitet sie uns nicht mehr als Zeitzeugin in unseren Schulklassen, als Musikerin auf den Friedensfestivals oder in den ersten Reihen im Kampf gegen staatliche Repression an Antifaschisten/innen. Aber Esther Bejarano begleitet uns als Vorbild für unerschütterlichen und unermüdlichen Kampf für eine solidarische Welt. Wir halten das Versprechen, das sie uns abgenommen hat und führen ihren Auftrag fort.

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Anhang

 

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6 Kommentare

  1. Franz P.
    Zu ergänzen ist, daß sich Esther Bejarano auch für die unterdrückten Palästinenser eingesetzt hat und deswegen Israel wieder verlassen hat und nach Deutschland zurückgekehrt ist.

  2. Esther Bejarano hat eine lebendige Erinnerungskultur gepflegt – danke!
    Was aber ist, wenn Erinnerungskultur bloß zu scheinheiligen Ritualen der Selbstbeweihräucherung verkommt – im Sinne von „wir sind moralisch auf der richtigen Seite“?
    liegt im Gegenteil der Sinn und Zweck von Erinnerungskultur nicht gerade darin, im Hier und Jetzt sensibel und wachsam zu sein?
    Wachsamkeit im Sinne von:
    Wehret den Anfängen!
    Nie wieder Auschwitz!
    Steh auf und sei laut
    Wenn Hass und Hetze gegen
    Selbst- und Andersdenkende verbreitet werden, dann ist Schweigen keine Option.
    Hier ist von Parallelen die Rede – und das immerhin aus dem Mund einer Person, die am eigenen Leib und durch Ermordung Angehöriger selbst Opfer des historischen Faschismus geworden ist.
    Sie weiß wovon sie spricht. Vera Sharav ist selbst Holocaust-Überlebende.
    https://youtu.be/S9–qstgMKI
    Zweifelsohne ist der historische Faschismus an Grausamkeit, Perfidität und an industriell-rationaler Gründlichkeit in seiner Vollendung unübertrefflich!
    Aber auch dieser fing anfangs scheinbar harmlos an und entfaltete seine Grausamkeit erst dadurch, dass systematisch Angst geschürt wurde und viele viele einfach mitgelaufen sind – bis am Ende viele viele nicht wahr haben wollten, worauf das alles letztlich hinausgelaufen ist …
    und am Ende wollte keiner Schuld daran haben und hat nur mit dem Finger auf die Anderen gezeigt!
    Die Worte von Vera Sharav sind nichts als ein Warnhinweis!
    Wehret den Anfängen!
    Nie wieder Auschwitz!
    Meine eigenen Faschismus-Analysen, die ich hier auf Facebook mehrfach zur Diskussion gestellt habe, wurden bislang nicht widerlegt:
    1. Hier meine Definitionsanalyse
    https://xn--brgerinitiative-bilk-pec.de/faschismusthese/
    Und 2. komme ich in dieser tanatologischen Hermeneutik zur These des „Technofaschismus“: https://xn--brgerinitiative-bilk-pec.de/tod-tabu-und-die…/
    Bitte wiederlegen Sie diese Thesen.
    Wehret den Anfängen!
    Nie wieder Auschwitz!

  3. Ich singe weiter, bis es keine Nazis mehr gibt, sagte @Esther Bejerano, die kleine ganz große Frau.
    Es war ihr nicht vergönnt, dies zu erleben, doch hinterlässt sie uns Allen damit ein verpflichtendes Vermächtnis.
    Gelt’s Gott, dass ich Dich kennen durfte und ein Shalom in die andere Welt, in welche Du uns nur vorausgegangen bist!
    “Ihr habt keine Schuld an dieser Zeit. Aber Ihr macht Euch schuldig, wenn Ihr Nichts über dies Zeit wissen wollt, Ihr müsst Alles wissen, was damals geschah. Und warum es geschah!“, ist eines meiner Zitate.
    Analog dazu ist es mir ein Herzensanliegen, dass Stimmen wie die von Erich Neumann gehört werden, welche an diese Zeit erinnern und die Indikatoren beim Namen nennen, wie es heute wieder bereits um sich greift!
    Darüber hinaus ist es Verpflichtung für uns Alle, dafür einzutreten, dass die Attacken gegen ihn und andere Aufrechte nicht ungesehen und ungeahndet bleiben.
    Wir dürfen nicht nur auf die Missstände im Ausland verweisen und uns abarbeiten, sondern müssen – und wohl sogar zunächst – vor der eigenen Haustüre kehren.
    Weiterhin viel Kraft wünsche ich Erich Neumann selbst und uns Allen die Entschlossenheit, ihm solidarisch zur Seite und für unser Aller bessere Zukunft einzustehen.
    Esther Bejarano, 02. November 2016

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