Heftiges Erdbeben in Türkei, Kurdistan & Syrien – Linke Organisationen: “Nicht auf den Staat vertrauen, die Wunden selbst heilen!”

perspektive online – 6. Februar 2023

In Nordsyrien und den kurdischen Gebieten in der Türkei und Syrien ist es zu einem heftigen Erdbeben gekommen. Mehrere tausend Personen sind dabei ums Leben gekommen und verletzt worden. Derweil machen linke türkische und kurdische Organisation die Regierung für eine verfehlte Erdbeben-Prävention verantwortlich. Sie rufen zu solidarischer Unterstützung vor Ort und in Europa auf.

In der Nacht auf Montag kam es in Nordsyrien und den kurdischen Gebieten in der Türkei zu einem Erdbeben. Zusammen mit dem “Erzincan”-Erdbeben von 1939 ist es die stärkste Erschütterung, welche die Türkei und Nordkurdistan seit Beginn der Aufzeichnungen getroffen hat. Das Beben ereignete sich ca. 33 km nordwestlich der Stadt Gaziantep (kurdisch: Dîlok).

Die vorläufige Lage des Erdbebens liegt an einem Punkt, an dem die Grenzen dervon drei tektonischen Platten – die Anatolische Platte, die Arabische Platte und die Afrikanische Platte – aufeinandertreffen. Verschiebungen zwischen den Platten können zu Erdbeben führen.

Durch und infolge des Erdbebens stürzten Häuser über Menschen ein und explodierten Gas-Pipelines. Bis zum Nachmittag wurden schon mehr als 2.300 Todesopfer gezählt, davon über 1.500 in den türkischen und über 800 in den syrischen Gebieten. Bisher wurden über 7.000 Verletzte gezählt. Die Rettungsarbeiten dauern an und es ist davon auszugehen, dass die Zahl der Toten und Verletzten weiter steigen wird. Zusätzlich erschwert ein Schneesturm die Situation.

Die Provinz Gaziantep besteht aus einer Reihe kleiner und mittelgroßer Städte mit einer beträchtlichen Flüchtlingsbevölkerung, so Asli Aydintasbas vom Brookings Institute gegenüber CNN. Demnach seien vor allem Arbeiter:innen betroffen: “Einige dieser Gebiete sind eher arm. Einige sind reichere, städtische Gebiete, aber andere Teile, über die wir sprechen und die anscheinend verwüstet wurden, sind relativ einkommensschwache Gebiete”.

Heftige Kritik an fehlender Präventionspolitik durch Regierung

Bereits kurz nach dem Beben ist das politische Ringen um die Verantwortung für die hohen Todeszahlen entbrannt: Insbesondere von Seiten linker oppositioneller Kräfte gibt es heftige Kritik an der AKP-MHP-Koalition von Ministerpräsident Erdogan.

Trotz der bekannten Tatsache, dass es sich um ein Erdbebengebiet handelt, sei die AKP-Regierung nicht aktiv geworden und deshalb für den Verlust von Menschenleben und die Zerstörung der Städte verantwortlich, heißt es in einer Erklärung der türkisch/kurdischen Organisation Aveg-Kon. Die Regierung habe die seit langem von wissenschaftlichen Organisationen und der Bevölkerung erhobenen Forderungen, sich auf schwere Erdbeben vorzubereiten und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen, nicht beachtet:

Diejenigen, die bisher keine Änderungen in der Flächennutzungspolitik vorgenommen haben, diejenigen, die keine Änderung durch Einholung von Gutachten herbeigeführt haben, diejenigen, die keine Ingenieurleistungen in Anspruch genommen haben, diejenigen, die keine Maßnahmen im Bereich des Katastrophenmanagements ergriffen haben, diejenigen, die illegales Bauen zur Miete zugelassen haben, werden heute erneut versuchen, die Öffentlichkeit mit Krokodilstränen zu täuschen”, heißt es bei der Arbeiter:innen-Organisation weiter.

Ähnlich äußerte sich das Exekutiv-Komitee der “Gemeinschaft der Gesellschaften Kurdistans” (KCK) in einer Erklärung, über die ANF berichtet: „Da es in der Türkei und in Kurdistan Verwerfungslinien und ein hohes Erdbebenrisiko gibt, sollten die Gebäude und die Infrastruktur entsprechend gebaut werden. Doch die AKP/MHP-Regierung, als reine korrupte Kriegsregierung, stiehlt sogar die für Erdbeben vorgesehenen Mittel und gibt sie für ihre Kriegspolitik aus. Die AKP/MHP-Regierung, die für die Ergreifung von Vorsichtsmaßnahmen verantwortlich ist, aber keine Vorkehrungen trifft, ist damit direkt für die Opfer und Schäden verantwortlich zu machen“, so die kurdische Dachorganisation.

„Nicht auf den Staat vertrauen“

Gerade weil der Staat selber mit verantwortlich für die hohen Opferzahlen sei, solle man laut KCK „nicht auf den Staat warten“, sondern solle „unser Volk alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel einsetzen und versuchen, seine Wunden selbst zu heilen“. Zusätzlich zu den Rettungsmaßnahmen sollten die Menschen vor dem Hintergrund der jahreszeitlichen Bedingungen ihre Häuser für diejenigen öffnen, deren Häuser zerstört wurden, und mit ihnen teilen. Auch die demokratischen Institutionen sollen sich mit den Menschen “solidarisch zeigen und allen, die Unterstützung brauchen, die Hand reichen und ihnen helfen”. Auch die im Ausland lebende kurdische Bevölkerung wird zur Unterstützung aufgerufen.

ufgrund der Sicherheitsbedrohung nach dem tödlichen Erdbeben in der Türkei und in Syrien kündigte Irakisch-Kurdistan an, die Ölexporte über die Pipeline, die die Region mit dem türkischen Hafen Ceyhan verbindet, einzustellen. Diese Entscheidung wurde getroffen, um die Sicherheit der Exporte zu gewährleisten und um unerwünschte Zwischenfälle zu vermeiden.

Diesem Aufruf schließen sich auch Organisationen in Europa und Deutschland an. So erklärte Aveg-Kon: „Dieser Tag ist der Tag, an dem die Worte von Che ‘Solidarität ist die Zärtlichkeit der Unterdrückten’ mit Leben erfüllt werden”.

Auch die “Föderation Klassenkämpferischer Organisationen erklärte, die Menschen in der Türkei bräuchten nun „Hilfe, keine Waffenlieferungen“. Damit wird auf die regelmäßigen Lieferungen deutscher Waffen an den NATO-Partner Türkei angespielt. Es brauche stattdessen eine solidarische Anstrengung auch unter Menschen in Deutschland, diejenigen Kräfte, welche die Arbeiten vor Ort in die Hand nehmen, finanziell zu unterstützen.

Spenden können hierhin gesendet werden:

Multi-Kulti Dernegi
Postbank
IBAN DE69 3701 0050 0983 1415 04
Stichwort: Erdbeben

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Erstveröffentlichung am 6. Februar 2023 auf »Perspektive online«. Wir danken den Genossinnen und Genossen von »Perspektive« für ihre gute Arbeit und der Genehmigung der Weiterveröffentlichung. Bilder und Bilduntertexte wurden ganz oder zum Teil von der Redaktion »RoterMorgen« hinzugefügt.

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