Die selbstgerechte Sahra

Gastautorin Stella Bugatti – 01. Mai 2021 Was schert mich mein Geschwätz von gestern?

Die Talkshow-Königin der Patei die Linke (PdL) Sahra Wagenknecht, hat ein viel diskutiertes Buch mit dem Titel »Die Selbstgerechten« herausgebracht, über das Roter Morgen schon vor zwei Wochen ansatzweise berichtet hat. Unsere Gastautorin Stella Bugatti hat es gelesen und stellte eine Buchvorstellung zur Verfügung.

„Bist du kürzlich aus einem zehnjährigen Koma erwacht? Wenn ja, dann ist das neue Buch „Die Selbstgerechten“ von Sahra Wagenknecht das perfekte Buch für dich. In diesem wird sie nicht müde, sämtliche Entwicklungen der letzten Jahrzehnte darauf zurückzuführen, dass studierte Menschen in Berlin-Mitte veganen Cappuccino trinken. Dabei muss man sich immer wieder daran erinnern, dass hier eine Politikerin der Linken schreibt und man nicht etwa aus Versehen bei einem wütendem Post eines AfD-Kreisverbands auf Facebook gelandet ist. Denn hat das Buch äußerlich den Charme der DB mobil, bekommt man inhaltlich altbackene Klischees, formuliert im Duktus einer Person, die die Wahrheit gepachtet hat und sie nun endlich mit uns allen teilt. Natürlich nicht, ohne schon im Vorwort zu witzeln, dass nun die cancel culture über sie herfallen wird. Aber natürlich hält sie das nicht davon ab, sich hier zu positionieren. Stunning and brave.

Im Prinzip handelt es sich bei den „Selbstgerechten“ um zwei separate Bücher. In dem einen analysiert Wagenknecht die aktuellen Zustände und Entwicklungen durchaus treffend und zeigt wirkliche Problemlagen auf. In dem anderen lamentiert sie in bester rechter Stammtischmanier über die abgehobene studierte gutverdienende Elite in den Stadtzentren, die nicht anderes tut, als den Kapitalismus bunt anzustreichen. Ab und zu nehmen diese Kapitel Bezug aufeinander, eine Kritik wird trotzdem nicht daraus. Am Ende geht es um Datenschutz, doch passt dieses Kapitel nicht wirklich in das Buch und scheint nur dazu sein, um tatsächlich einmal ein aktuelles Thema ansprechen zu können.

Sahra Wagenknecht will die Anwältin des armen weißen Mannes sein. Sie zeigt, wie er seit den 1960ern seine Würde und seinen Wohlstand durch die neoliberale Politik verloren hat und wie die Linksliberalen nichts beizutragen haben, außer wirren Diskussionen um Sprechverbote und Soßennamen. Die liberalen Linken sind auch dafür verantwortlich, dass die Rechte überhaupt so stark werden konnte. Für Wagenknecht spielen einzig und allein wirtschaftliche Aspekte eine Rolle, alles andere ist Identitätspolitik. Mit wirren Erklärungen und saloppen Beispielen untermauert sie, warum der Kampf gegen Rassismus, Sexismus und Inklusion nicht nur vollkommen absurd ist, sondern noch dafür sorgt, dass der Arbeiter sich dadurch nach rechts gedrängt fühlt.

Dabei ist der Arbeiter im Buch dumm, fett und ignorant. Den ganzen Tag am Arbeiten, ist er unfähig, sich selbstständig weiterbilden zu können. So plump wie möglich entwirft Wagenknecht die eigentliche Konfliktlinie im Land: Arbeiter gegen Studierte. Wo der Arbeiter im Kapitalismus leidet, jubelt das gutverdienende studierte Pack. Man sollte mitdenken: All das schreibt eine promovierte Millionärin. Clown-Emoji. Das Buch ist eine Ansammlung aller rechten Klischees und Strohmänner, die sie genüsslich auf die linksliberale Elite loslässt. So wundert sie sich beispielsweise darüber, dass „inmitten linker Texte immer wieder dubiose Sternchen“ vorkommen. Nicht umsonst wird ihr Buch am rechten Rand gefeiert. Ideen für neue Politik hat sie nicht. Starker Staat, geschlossene Grenzen, Ausländer raus. Nach ihrer Definition sind das die Tugenden der echten Linke.

Irritierend ist an diesem Buch, dass ihre Kritik teilweise weder unbegründet noch falsch ist. Der Kapitalismus drängt den Menschen zu Gunsten höherer Profite immer mehr ins Abseits und eine tatsächliche linksliberale Elite, die von diesen Prozessen (noch) nicht betroffen ist, erfreut sich an Maßnahmen, die keine reale Wirkung oder gar Veränderung bringen und die Zustände sogar noch festigen. Ganz im Stil von: We need more female drone pilots. Zwar existiert tatsächlich eine überdrehte Form der Identitätspolitk, allerdings überzeichnet Wagnenknecht diese als die dominierende Strömung und negiert ihren Nutzen damit komplett. Wenn sie schreibt, dass „[d]en Mindestlohn zu erhöhen oder eine Vermögenssteuer für die oberen Zehntausend einzuführen“ natürlich mehr Widerstand hervorrufen würde, „als die Behördensprache zu verändern, über Migration als Bereicherung zu reden oder einen weiteren Lehrstuhl für Gendertheorie einzurichten“, fragt man sich, warum nicht beides möglich sein soll. Wie so oft in ihrem Buch, spielt Wagenknecht hier Identitätspolitik und ökonomische Aspekte gegeneinander aus.

Auch streift sie immer wieder die Konsumkritik, die ebenfalls gerne vom linksliberale Milieu geäußert wird, welche tatsächlich ein Problem darstellt. Denn wer auf Sozialhilfe angewiesen ist, kann sich nicht das teure Bio-Fleisch leisten. Statt hier allerdings das tieferliegende Problem, wie z.B. HartzIV, aufzunehmen, attestiert sie der Elite eine Verachtung für den kleinen Mann. Statt dafür zu sorgen, dass jeder Mensch die Möglichkeit hat, hochwertige Nahrung zu sich nehmen zu können, solle man einfach aufhören, über Aldi zu lächeln. Auch an diesem Punkt verfehlen Wagenknecht und die von ihr kritisierten Linksliberalen gleichermaßen den Kern des Problems.

Die Identitätspolitik ist Sahra Wagenknechts größter Feind. Das ist alles von der Umbenennung einer Soße bis zum Genozid in Ruanda. Die prominente Linkspartei-Funktionärin interessiert sich nicht für Sexismus, Rassismus, Polizeigewalt oder rechtsextreme Morde. All dies sind Anliegen skurriler Minderheiten, die in ihrer Opferparade vom tatsächlichen Problem ablenken: dem geringen Verdienst weißer, deutscher, männlicher Arbeiter. Diese sind für Wagenknecht das Klientel, das die Linke ansprechen und gewinnen muss. Da ihre Welt ein Nullsummenspiel ist, muss man sich entscheiden, ob man das Geld der deutschen Bevölkerung oder der islamistischen Parallelgesellschaft gibt. „Geld für die Oma, statt Sinti und die Roma“, tönte vor Jahren die NPD.

Ihre große Vision ist die Rückkehr in die BRD der 50er und 60er Jahre, als die Löhne für alle noch hoch waren. Dazu muss die Linke um jeden Preis den Arbeiter für sich gewinnen. Warum und was das bringen soll, wird nicht erklärt. Das Buch ist eine Bankrotterklärung der Linken in Deutschland und eine Liebeserklärung an die Rechte. Scheiß auf Ausländer, scheiß auf Frauen, auf Rassismus, auf den ganzen Kram, mit dem der weiße deutsche Mann eh nix am Hut hat. Keine Kritik am Kapitalismus, schon gar kein Wort der Überwindung des Systems. Wer so eine Linke hat, braucht keine Rechte mehr..

Sahra Wagenknecht, »Die Selbstgerechten: Mein Gegenprogramm – für Gemeinsinn und Zusammenhalt«, Campus Verlag, bei eBay schon als pdf-download für 1.85 € inckl Versand
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4 Kommentare

  1. Naja: Es ist schon richtig, dass es vielleicht tatsächlich wichtiger ist, die Löhne anzuheben, als sich mit Problematiken der Deutschen Sprache zu befassen. Und von einer Frau zu behaupten sie würde sinngemäß „Scheiß auf Frauen“ sagen ist halt irgendwie dumm.

    P.S. Dass die PdL als SPD im neuen Gewand auch SPD-typische Forderungen hat ist doch selbstverständlich!

  2. Es ist immer wieder erstaunlich, wie unterschiedlich Texte wahrgenommen werden. Folgendes schrieb ich vor ein paar Tagen:
    Gedanken zu Wagenknechts Buch „Die Selbstgerechten“
    Ich habe das Buch als Audiobook konsumiert, tue mich also schwer mit genauen Zitaten, da ich mir keine Anmerkungen im Buch machen konnte, zumal ich dabei der Gartenarbeit fröhnte.
    Noch vor dem offiziellen Erscheinungstermin des Buches gerieten vor allem Ihren Aussagen zur Identitätspolitik der Linken und den sogenannten Livestylelinken in die Kritik. Gerade diesem Teil des Buches kann ich Wagenknecht aber im Wesentlichen zustimmen.
    Es scheint auch mir so, dass die identitätspolitischen Aspekte in der gesellschaftlichen Linken und auch in der Partei die LINKE gegenüber gesamtgesellschaftlichen Bedingungen und den Klassenaspekten in den Hintergrund treten. Und in der Tat ist diese Identitätspolitik anschlußfähig zu den Grünen, den Liberalen bis hinein in weite Teile der CDU und auch der Sozialdemokratie. Welcher Ethnie oder sexuellen Identität jemand angehört, sagt nichts über Klasseninteressen aus. Natürlich ist die Liberalisierung und Offenheit einer Gesellschaft begrüßenswert und eine Linke sollte dies unterstützen, es darf jedoch nicht zum zentralen Punkt politischen Handelns werden. Das Kämpfen für Partikularinteressen in einer Linken macht sie zu einem beliebigen Sammelbecken. Was bei Wagenknecht in diesem Zusammenhang zu kritisieren ist, dass sie diese Identitäten herabwürdigt und zu Marotten erklärt. Auf der anderen Seite hat sie natürlich recht, dass diese Identitätspolitik vor allem ein Steckenpferd akademischer, urbaner Kreise ist, also denen, die eher Gewinner der jetzigen neoliberalen Entwicklung sind. Menschen, die auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt mit ausländischer Konkurrenz zu kämpfen haben, haben andere Wahrnehmungen. Meines Erachtens nach ist es wichtig für die LINKE, Klassenbetrachtungen wieder in den Mittelpunkt zu stellen.
    Wagenknecht plädiert außerdem dafür, die nationale Identität anzuerkennen. Der Sozialstaat ist nur innerhalb eines Nationalstaates zu verwirklichen. Und da hat sie recht, zur Umverteilung innerhalb eines Landes gehört auch, dass ausländische Personengruppen ausgeschlossen werden. Das mag man betrüblich finden, ändert aber nichts an der Tatsache. Und das ist Wagenknecht ehrlicher als weite Teile ihrer Partei. Zwar agiert und argumentiert ein Großteil der LINKEN auf nationaler Ebene, tut aber so als ließe sich das mit offenen Grenzen verwirklichen. Wo sind die großen internationalen Bestrebungen und Projekte außerhalb von ein paar Podiumsdiskussionen mit Piketty oder Varoufakis?
    Im Weiteren, und das ist durch ihren nationalstaatlichen Ansatz nur logisch, will sie die Wirtschaft wieder stärker regulieren. Sie stellt hier das klassische positiv besetzte, Werte schaffende, Unternehmertum gegen das Casinofinanzkapital. Ihr da, wie geschehen, Nähe zur faschistischen Ideologie vom raffenden und schaffenden Kapital anzudichten, ist mehr als unlauter, es ist falsch und ehrabschneidend. Nun hat Wagenknecht schon seit längerem ordoliberale Ansätze und hat hier die sozialdemokratische geprägte Bundesrepublik der siebziger Jahre vor Augen. Warum sie, als Ostdeutsche, einer idealisierten Wirtschaftswunderbundesrepublik nachhängt, bleibt ihr Geheimnis.
    Das hat alles nichts mehr mit kommunistischen oder sozialistischen Ideen zu tun. Sie hat eine sozialdemokratische Bundesrepublik mit starkem Sozialstaat vor Augen. Und das spricht viele Menschen an, Westdeutsche träumen von der guten alten Zeit und Ostdeutsche von der Bundesrepublik, an der sie teilhaben wollten, sie aber nicht bekamen.
    Was Wagenknecht verkennt ist die Entwicklung des Kapitalismus. Man kann diese nicht fünfzig Jahre zurückdrehen. Wagenknecht hat sich von kommunistischen Träumen verabschiedet, aber das ist innerhalb der LINKEN weiß Gott kein Alleinstellungsmerkmal, sondern Mehrheitsmeinung und der starke Sozialstaat ebenso. Die Stärke von Wagenknechts Buch ist, dass sie aufzeigt, was dies in seiner Konsequenz bedeutet. „Die Selbstgerechten“ ist ein analytisch gutes und ehrliches Buch. Es ist an keiner Ecke rechts, sondern klassische, gute Sozialdemokratie. Sie verkennt, dass der jetzige neoliberale, globale, Kapitalismus historisch begründet ist. Es ist aber ein Buch mit einer Vision, auch wenn ihre in der guten alten Zeit liegt und nicht tragfähig ist. Aber andere Visionen hat die LINKE auch nicht und das ist es, was mich pessimistisch stimmt. Die LINKE wäre gut beraten, wenn sie Wagenknechts Buch zum Anlass nimmt, die wirklichen Zukunftsthemen anzugehen: was genau will die Linke? Was ist ihre Vision, ihre Strategie, ihr Entwurf einer Gesellschaft? Sich an einzelnen Halbsätzen aufzuhängen und sie der Querfront zu bezichtigen, ist einfach nur dämlich.
    PS: Ich habe an anderer Stelle den hohen Preis des Buches beklagt und dabei bleibe ich. Für Menschen, die mit ihren Büchern Meinungen ändern wollen, gerade wenn sie eine solche Prominenz haben, sollte es ein Anliegen sein, günstige Ausgaben unters Volk zu schmeißen und zwar nicht erst fünf Jahre später, wenn schon wieder andere Säue durchs Dorf gejagt werden.

  3. DIE SELBSTGERECHTE

    und ihr bigottes Sammelsurium rechter Allgemeinplätze aus Halbwahrheiten, Pauschalisierungen, Verballhornungen, Verhöhnungen, Relativierungen und Klischees, bei dem ich mich frage, warum Sahra Wagenknecht nicht schon längst in die AfD übergetreten ist, die sie als „Arbeiterpartei“ rühmt.
    Wagenknecht beklagt: „Nachdem im Frühsommer 2020 ein rassistischer Cop in den Vereinigten Staaten den Afroamerikaner George Floyd brutal ermordet hatte, waren die Tage der Mohren-Apotheken und Mohren-Hotels in Deutschland endgültig gezählt. Wer sich nicht schleunigst nach einem neuen Namen umsah, geriet mächtig unter Druck. Black-Lives-Matter-Aktivisten begannen jetzt auch in Europa, die Statuen von Sklavenhändlern aus der Kolonialzeit vom Sockel zu stürzen. Sie taten das mit einem Eifer und einer Überzeugung, als läge hier der Schlüssel, um der modernen Sklaverei von Bullshit-Jobs, Demütigung und Armut die Grundlage zu entziehen.“
    „Bei vielen Wahlen ist das Durchschnittseinkommen der grünen Wählerschaft heute höher als das der Wähler irgendeiner anderen Partei. Die verbliebenen Anhänger der SPD sind nicht ganz so wohlhabend wie die der Grünen, sondern eher Lehrer, Beamte und Angestellte im öffentlichen Dienst, oder sie arbeiten in Gesundheits- und Kulturberufen. Wer allerdings wirklich schlecht verdient und kein Abitur hat, ist kaum noch dabei.“
    „Heute ist auch die Linkspartei überwiegend eine Akademikerpartei und wird von ähnlichen Bevölkerungsgruppen gewählt wie SPD und Grüne.“
    „Statt diese Mehrheiten mit einem für sie attraktiven Programm anzusprechen, haben SPD und Linke der AfD zu ihren Wahlsiegen verholfen und sie zur führenden ‚Arbeiterpartei‘ gemacht. Sie haben die Grünen auf geradezu unterwürfige Weise als intellektuelle und politische Avantgarde akzeptiert. In diesem Buch geht es also darum, was das heißt: Linkssein im 21. Jahrhundert. Ein Linksssein jenseits der Klischees und modischen Phrasen. Dazu gehört für mich auch: Was sollte die Linke von einem aufgeklärten Konservativismus lernen?“
    „Aber es geht nicht nur um die richtigen Anreize. Der Anspruch der Leistungsgerechtigkeit entspricht auch dem jahrhundertelange Gemeinschaftsleben entsprungene Wertekanon der Gegenseitigkeit [kursiv], nach dem Gerechtigkeit im Miteinander der Menschen bedeutet, dass das was jemand bekommt, in einem vernünftigen Verhältnis zu dem stehen sollte, was er gibt. Nach dieser konservativen und dennoch keineswegs überholten Gerechtigkeitsvorstellung steht dem Fleißigen mehr zu als dem Faulen und dem Hochproduktiven mehr als dem, der nur Dienst nach Vorschrift macht.“
    „Nahezu jedem dürfte klar sein, dass ein wohlhabendes, bereits relativ dicht besiedeltes Gebiet, in das jeder, der möchte, einwandern kann, sich in kürzester Zeit in einen Ort verwandeln würde, an dem keiner mehr gerne leben möchte.“

  4. Kapitalknecht als offizielle Querfront/Volksfront-Vorreiterin hat in dem neuen Buch schlichtweg Nationalismus, kapitalistische Klassenherrschaft und in Anlehnung an die Faschistische AfD entsprechendes Gedanken(un)“gut“ verzurrt. Ist wie „Reichtum ohne Gier“ auch typisch kapitalistischer Müll, nur .. noch schmieriger xD

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