Bosch Stuttgart-Feuerbach und Schwieberdingen: Kette der Solidarität gegen Stellenabbau

Heinrich Schreiber – 20. Juli 2020

Halt dein Gosch, i schaff beim Bosch“ diese urschwäbische Volksweisheit ist gar nicht mehr gefragt. Am vergangenen Mittwoch, 15. Juli 2020, protestierten zur Mittagspause rund 3.500 Beschäftigte der Bosch-Standorte Stuttgart-Feuerbach und Schwieberdingen lautstark vor der Feuerbacher Konzernzentrale gegen geplante Sparmaßnahmen und Personalabbau und die Vier-Tage-Woche.

Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, in der ich in Kiel bei einem Unternehmen des Kupp Konzerns, der Maschinenbau Kiel (MaK), als Werkzeugschleifer im Schichtbetrieb und im Einzelakkord tätig war. Dort wurden  Schiffsdieselmotoren, Diesellokomotiven, Dieseltriebwagen und Kettenfahrzeugen gebaut. Zugegeben, das war in den 1970er Jahren. Aber auch wir befanden uns in Arbeits, kämpfen und in der Situation, dass die Betriebsräte und IG Metall sich lediglich als verlängerter Arm der SPD sahen. Sie waren wie heute, Arbeitervertreter nur dem Namen nach.

Werkstor der MaK in Kiel-Friedrichsort in den 70er Jahren.

Ein Lacherfolg unter uns Arbeitern war, wenn der Bundestagsabgeordnete der SPD, Norbert Gansel, sich im Werk zeigte, um sich ein Arbeiterimage zu verpassen. Aber was war? Er hielt sich eine Woche lang im Betriebsratsbüro auf und einmal kam er sofar tatsächlich in die Werkhalle. Begleitet von Journalisten, Fotografen und dem Betriebsrat. Und tatsächlich, er fasste ein Werkstück mit der einen Hand an und mit der Anderen berührte er die NC gesteuerte Werkbank. Das war „DAS Motiv“, auf das die Fotografen gewartet hatten. Alles im Kasten? Dann wieder ab ins Betriebsratsbüro. Zwischendurch mal kurz ein Shakehands mit dem Vorstand, das war es dann. Niemand erwartet, dass ein Bundestagsabgeordneter eine NC Maschine bedienen kann. Aber mit solchen Aktionen wurden wir in der Werkhalle nur zu Statisten degradiert. Statisten waren wir auch für die Herren IGM-Betriebsräte, für die ein klassenbewusstes Kämpfen, auch wenn diese nur ökonomischer Natur waren, schon lange kein Thema mehr war. Ihre Angst drehte sich nur um den Gedanken, dass die Kollegen den „Hammer“ fallen lassen könnten und alleine, ohne IG Metall, auf die Straße gingen. Dann nämlich, stünden sie ohne Einfluss dar. Der Nächste Schritt könnte nämlich, die Organisierung einer Revolutionären Gewerkschaftsopposition (RGO) sein. Für einen Teil der Kollegen, waren einige Betriebsräte bereits Arbeiterverräter.

Bosch-Beschäftigte bilden kilometerlange Menschenkette. Bild: Jens Unruh

Daher zitiere ich hier gerne den Artikel von Fritz Theisen über den Kampf der Kollegen bei Bosch, der heute auf Arbeit-Zukunft erschienen ist. Darin heißt es u.a.:

(…) Viele kamen aus Kurzarbeit und Homeoffice zur Aktion. Mit Gesichtsmasken, Regencapes und -jacken „bewaffnet“, formierten sie sich zu einer kilometerlangen „Menschenkette der Solidarität“, um sich für den Erhalt der rund 20.500 Arbeitsplätze bei Bosch einzusetzen. Viele trugen Aktionsmützen und Gesichtsmasken der IG Metall und hielten in etwa Mindestabstände ein, wenn auch an einigen Stellen so viele Teilnehmer/innen zusammenkamen, dass das nicht immer möglich war.

Regen bremste die Boschler/innen nicht | Bild: AZ

„Es wird derzeit von der Firmenseite nur über Sparmaßnahmen und Personalabbau gesprochen. Das hat zur Folge, dass große Teile der Belegschaft um ihren Platz im Unternehmen und ihr Einkommen bangen“, so zitiert die jungeWelt (17.07.2020) den stellvertretenden Betriebsratsvorsitzenden des Werks Feuerbach, Axel Petruzzelli. Die Bosch-Konzernspitze hatte schon letztes Jahr bekannt gegeben, 1.600 Arbeitsplätze in der Antriebssparte, mit allen anderen Abbauplänen zusammen sogar rund 2500 Jobs bis Ende 2021 abbauen zu wollen (AZ berichtet eingehend). Sogar über einen ca. dreißigprozentigen „Personalüberhang“ wird Bosch-Intern angeblich bereits diskutiert. D. h.: es wird von der Geschäftsführung indirekt damit gedroht und somit eingeschüchtert!

Die Fertigung der Bosch-Zulieferprodukte zum „Verbrenner“ werde auslaufen, im IT-Bereich seien die deutschen Lohnkosten zu hoch, also: Arbeitsplatzverlagerung in Niedriglohnländer.

Viele Boschlerinnen und Boschler machen sich zu Recht Sorgen, was nach der Kurzarbeit bei Bosch passiert. Martin Röll, zweiter Bevollmächtigte der IGM Stuttgart sagte zwar: „Wir wollen mit allen durch die Krise. Niemand soll seinen Arbeitsplatz verlieren“. Aber das dient der Beruhigung! Das Ende der Menschenkette zeigte das deutlich.

Kollegen von Bosch-Rexroth | Bild: AZ

Die Aktion, so beeindruckend sie war, endete in Ratlosigkeit. Es gab kaum Parolen, wirkliche Kampfstimmung kam nie auf. Wer eine Kundgebung mit deutlichen Ansagen von IG-Metall und Betriebsrat an die Konzernführung und – vor allem an die Öffentlichkeit – erwartet hatte, wurde bitter enttäuscht.

Ca. 12:30 Uhr wurde die Menschenkette einfach aufgehoben, und die Kolleg/innen gingen bedrückt und geräuschlos wieder an die Arbeit. Nach 15 Minuten war nichts mehr zu sehen. Was Wunder, dass der Bosch-Geschäftsführung nichts besseres einfällt als zu erklären, an dem Kürzungsprogramm im Konzern unverändert festzuhalten.

Ohne entschiedenen Kampf kann es nichts werden!


Was will die IG Metall-Führung, wenn sie nichts besseres zu tun hat als die Anwendung der 1994 im so genannten „Pforzheimer Abkommen“ ausgehandelten „Öffnungsklauseln“ im Flächentarifvertrag anzubieten: Arbeitszeit bis auf 30 Stunden ohne jeden Lohnausgleich, also auf Kosten der Kolleginnen und Kollegen! Darüber verhandelt der Betriebsrat mit der Geschäftsleitung und will noch vor den Sommerferien einen Abschluss! Zustimmung – nach Kurzarbeit und damit Kurzarbeitergeld KuG – zu noch höheren Entgeltverlusten?!

Arbeitszeitverkürzung auf die Tagesordnung

Dass das Bosch-Management selbst Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich, also zu ihren Bedingungen und unter Schonung der eigenen Gewinne und Profite will, zeigt trotz alledem, dass Arbeitszeitverkürzung notwendig ist. Also müssen die arbeitenden Menschen darum kämpfen, dass das für alle und überall gilt und im eigenen Interesse gestaltet wird: Arbeitszeitverkürzung für alle, mindestens auf die 30-Stundenwoche, bei vollem Personal- und Entgeltausgleich!

Auch Schietwetter konnte die Kette der Solidarität nicht aufhalten. Bild: AZ

Das muss zum Thema in der IG Metall und allen anderen Gewerkschaften, vor allem unter den Mitgliedern werden. Es fällt wieder und wieder auf, dass die IG Metall und die beteiligten Betriebsräte auch in den kritischsten Situationen diese Forderung meiden wie der Teufel das Weihwasser. Aber das würde den Abwehrkämpfen endlich ein Offensive Stoßrichtung geben – und das will die Gewerkschaftsführung offenbar nicht!

Aber Arbeitsplätze bei Bosch werden so, wie IG Metall und Betriebsräte agieren, mit ziemlicher Sicherheit trotzdem „sozialverträglich abgebaut“. Wer den Kampf scheut, ihn nicht organisiert, verliert! Aktuelles Beispiel im Bosch Konzern: Bosch-Standort Schwäbisch Gmünd, ebenfalls in der Region“. Hier haben Betriebsräte und IGM Anfang Juli der Streichung von fast 1.900 der 4.700 Stellen bis Ende 2026 zugestimmt. Zwar steht auf dem Papier, betriebsbedingte Kündigungen seien ausgeschossen. Also mit Druck ran an Aufhebungsverträge! Aber die Jobs sind weg, auch für die nächste Generation (…).

Anhang der Redaktion:

SWR-Video mit den Betriebsräten Frank Sell und
Axel Pretuzzelli von Bosch Feuerbach

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Erstveröffentlichung am 20. Juli 2020. Mai 2020auf Heinrich-Schreiber-Blog. Veröffentlichung mit freundlicher genehmigung des Herausgebers. Bilder und Bilduntertexte wurden von der Redaktion Roter Morgen hinzugefügt.

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Für den Inhalt dieses Artikels ist der Autor bzw. die Autorin verantwortlich.

Dabei muss es sich nicht grundsätzlich um die Meinung der Redaktion handeln.




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3 Kommentare

  1. Lieber Heinrich,
    Ich habe jahrelang vor der MAK und HDW die Flugis der KPD/ML verteilt und in Friedrichsort den Parteistand mitgemacht.
    Das RGO-Konzept ist allerdings in meinen Augen nicht dauerhaft erfolgreich gewesen. Damit war es leichter, die Genossen zu identifizieren, zu isolieren und rauszuschmeißen. Die DKP hat dabei geholfen. Ich denke, man müsste die Erfolge und die Misserfolge der RGO gründlich auswerten und dann eine geeignete Taktik entwickeln, um sich unter den Kollegen/-innen zu verankern und in den Gewerkschaften den sozialdemokratischen Führern Paroli zu bieten. Wir sollten unsere Geschichte nicht einfach kopieren – wie der RM.eu – sondern daraus lernen und heute den richtigen Weg der allmählichen Verankerung in den Massen gehen. Daran arbeiten wir – auch wenn es aktuell verdammt schwer ist.

    • Lieber Genosse Diethard,

      schade, dass ich mich nicht mehr an die Verteiler erinnern kann und außerdem, wir alle waren junge Kerle damals, vor 45 Jahren. Die 1970er waren eine tolle Zeit beim Aufbau der Betriebsparteizellen.

      Dennoch, natürlich kann man Dinge gründlich auswerten, geeignete Taktiken entwickeln und dann auch gucken, wie man den sozialdemokratischen Führern Paroli bieten kann. Aber solche Phrasen sind i.d.R. geeignet, Situationen noch zu verkomplizieren und dabei ist noch nicht einmal das Urproblem, der Revisionismus und die Gläubigkeit an Reformen angesprochen. Eine RGO (oder vergleichbares) entwickelt sich aus dem Kampf der Arbeiterklasse und aus der Reaktion bzw. dem Verrat der Sozialdemokraten. Das nimmt IMMER seinen revolutionären Lauf. Das in andere Wege lenken zu wollen, empfinde ich als konterrevolutionär. Dass die ganze Bewegung nicht mit nur einer Hand voller Arbeiter machbar ist, versteht sich von selber. Aber Massenbewegungen bewegen sich immer in eine revolutionäre Richtung und gelegentlich sind sie bolschewistischer, als viele Taktiken, die entwickelt wurden. Oder anders gesagt: „während die Ideologen noch diskutieren, erobern die Proleten das Land.“

      Mit proletarischen Grüßen und Rot Front, Heinrich

    • „Während die Ideologen noch diskutieren, erobern die Proleten das Land.“ Dieser Satz hat die Redaktion zum Nachdenken gebracht und uns fiel auf, dass es durchaus schon Parallelen zu heute gibt. Wenn Du, Diethard, eine politische Aussage machst, dann ist es nicht die irgendeines Genossen aus dem Internet, sondern die von Diethard Möller, Ex KPD/ML (KPD)-Mitglied, langjähriger Vorsitzender der KPD und Führende Kraft von Arbeit-Zukunft. Ich möchte daran erinnern, das Arbeit-Zukunft schon vor über 10 Jahren einen Beschluss zur Gewerkschaftsarbeit gefasst hat. Darin wird die RGO-Politik als ungeeignet abgewiesen. Allerdings nicht nur, weil so angeblich Genossen, zu schnell von den Gewerkschaftsführern entdeckt werden, sondern grundsätzlich, weil man die bestehen Gewerkschaften als größten Zusammenschluss der deutschen Arbeiterschaft nicht ignorieren kann und dort ja die Kollegen organisiert sind. Empfohlen wird ein Spagat der so aussehen soll, dass wir den gewerkschaftlichen Gremien fördern und in diese wählen lassen und gleichzeitig die Kollegen darauf hinweisen, dass die Führung ein böses Spiel mit uns treibt und wir nicht nur gegen die Unternehmer, sondern auch gegen diese Gestalten kämpfen müssen…


      Nun sind seit diesem AZ-Beschluss 1O Jahre vergangen und 34 Jahre seit der Spaltung unserer Partei durch die Trotzkisten. Es wäre also möglich gewesen eine realistische und revolutionäre Gewerkschaftslinie zu verfolgen und auf die Probe zu stellen. Doch was ist dein Ratschlag? „(…) Ich denke, man müsste die Erfolge und die Misserfolge der RGO gründlich auswerten und dann eine geeignete Taktik entwickeln, (…)“ Das klingt danach als ob Du die letzte 30 Jahre verschlafen hast. Ja, Arbeit-Zukunft ist als Organisation in keinem Betrieb verankert und die wenigen Betriebsräte und Vertrauensleute die zu AZ gehören, kann man an einer Hand abzählen. Auf alle Fälle sind sie nicht bei ihren (Ex)-Kollegen so angesehen, weil sie auf einer Gewerkschaftsliste kandidiert haben. Ihre Anerkennung erhielten sie, weil sie als Kommunisten 100%ig an der Seite der Kollegen stehen, Die Kollegen vertrauen ihnen, weil sie wissen das sie sich auf ihr Wort verlassen können.
Du hältst RGO-Arbeit u.a. für falsch, weil so Genossen schnell entlarvt wurden. Hast du vergessen welche erfolgreiche RGO-Arbeit wir schon gemeinsam in den 70er und 80er Jahren geleistet haben? Könnte es sein das wir auch dabei, Fehler gemacht haben, wie z.B. das richtige Verhältnis zwischen konspirativer Arbeit und offener Arbeit. Und ist es nicht das Wesen der Marxisten-Leninisten aus ihren Fehlern zu lernen und es besser zu machen. Ich denke ja und halte die RGO-Arbeit für das einzig ehrliche den Kollegen gegenüber. Ihnen vor zu gaukeln die Gewerkschaften wären zum Teil ihre Interessenvertretung, man müsse sich nur gegen „Die da oben“ zu Wehr setzen ist in meinen Augen heuchlerisch und reiner Opportunismus.
Ich werde daher in der Redaktion ROTER MORGEN anregen, auch hierzu eine öffentliche Diskussion zu entfalten in der wir uns gemeinsam mehr Klarheit verschaffen. Für alle Leser und Leserinnen denen RGO-Politik wenig sagt, die Sinn und Zweck mangels eigener Erfahrung nicht einschätzen können, füge ich diesem Kommentar einige Dokumente an, die ohne persönliche Wertung, Aufschluss über die RGO-Arbeit der KPD/ML (KPD) bringen.

      RGO-Nachrichten, 1. Jg., April 1978, Nr. 1
      RGO-Nachrichten, 3. Jg., April 1980, Nr. 4
      RGO-Nachrichten, 5. Jg., Mai 1982, Nr. 5

      RGO-Nachrichten, 7. Jg., März/April/Mai 1984, Nr. 2

      RGO-Nachrichten, 8. Jg., Dezember 1985, Nr. 5
      RGO-Nachrichten, 1. Jg., Herbst 1978, Extrablatt: „Gegen Rationalisierungst. u. Arbeitslosigkeit“
      RGO-Nachrichten, 3. Jg., Anfang 1980, Extrablatt: „Strauß als Redner zum 1. Mai?“
      RGO-Nachrichten, 5. Jg., 1982, Extrablatt: „Ihre Heimat ist das Mehr“

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