Ceuta: über 8.000 Migranten als Spielball internationaler Streitigkeiten

Gastautor Rui Filipe Gutschmidt Redaktion – 25. Mai 2021

Rui Filipe Gutschmidt

In Ceuta brachen am Dienstag (18. Mai 2021) alle Dämme. Innerhalb der letzten Tage kamen über 8.000 Menschen, darunter über 1.500 Kinder und Jugendliche, in die spanische Enklave Ceuta. Dafür mussten sie die hohen Zäune überwinden oder Kilometerlange Barrieren auf dem Meer umrunden. Spaniens Regierung beschuldigt Marokko die Grenze nicht zu überwachen und sogar Druck zu machen, um Migranten und Flüchtlinge nach Europa zu drängen und schickt die die meisten Migranten wieder zurück. Die Not der Menschen wird zur Waffe der diplomatischen Auseinandersetzungen zwischen Marokko und Spanien.

Laut Nachrichtenagentur EFE haben „es ungefähr 8.000 Migranten seit Montag (17.5.) geschafft, meist auf dem Seeweg nach Ceuta einzureisen, darunter rund 1.500 Minderjährige. Dies ist eine Rekordzahl von Ankünften in so kurzer Zeit in Spanien, die eine diplomatische Krise zwischen den beiden Ländern auslöste.“

Dabei ist der Konflikt zwischen den beiden Ländern schon sehr alt. Nach der Demokratisierung Spaniens 1976 forderte Marokko den gesamten Küstenstreifen an der nordafrikanischen Küste, der seit Jahrhunderten zu Spanien gehört. Bis auf die Städte Ceuta und Melilla, die größtenteils von Spaniern bewohnt sind, hat Marokko diesen Küstenstreifen auch in sein Territorium eingegliedert.

Die Enklaven sind schon seit langem ein Sprungbrett für Menschen, die in Europa eine Chance sehen, um ein Leben in Frieden und ohne Hunger und Krankheit zu führen. Dafür riskieren sie ihr Leben beim umkreisen per Schlauchboot oder umschwimmen der langen Barrieren die weit aufs Meer hinaus gehen. Manche klettern über die meterhohen Zäune, die aus der 85.000 Einwohner zählenden Stadt eine Art Gefängnis macht.

Über 6.000 vorwiegend Marokkaner, aber auch Flüchtlinge aus der Sahelzone, wurden bereits zurück nach Marokko gebracht. Die ungewöhnlich hohe Zahl an Kindern und Jugendlichen überraschte die spanischen Behörden, die keine Unterkünfte für so viele Menschen auf einmal hat. Viele von ihnen sind von ihrem Zuhause abgehauen, weil sie ihren Eltern nicht länger zur Last fallen wollten und weil sie kein Vertrauen in Marokkos Bildungssystem haben.
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Migranten als Druckmittel in einem lang anhalten Streit

Die spanische Regierung hat die Armee mobilisiert und Marokko gewarnt, dass es die territoriale Integrität seiner Grenzen „mit allen Mitteln“ verteidigen wird, nach der beispiellosen Situation, die gestern in der spanischen Stadt aufgrund der Passivität der marokkanischen Behörden eingetreten ist.

Im Vordergrund der spanische Doppelzaun – am Hang im Hintergrund sieht man den marokkanischen Grenzzaun. Archivbild aus 2020. Quelle: YouTube (Ausscnitt)

Die massive Ankunft marokkanischer Einwanderer in Ceuta war die letzte und schwerwiegendste Episode der diplomatischen Krise zwischen Spanien und Marokko, die vor einigen Wochen durch die Aufnahme des Führers der Polisario-Front, Brahim Ghali, in ein spanisches Krankenhaus zur Behandlung von COVID-19 Symptomen eröffnet wurde. Die „Frente Polisario“ kämpft seit der Besetzung der ehemaligen Spanisch Westsahara (Rio de Oro) durch Marokko, für die Unabhängigkeit des Territoriums. Die sozialistisch orientierte FP wurde vom Rest der kapitalistisch dominierten Welt vergessen und die Rohstoffe werden von Marokko mit Hilfe ausländischen Kapitals ausgebeutet.

Inzwischen wurde auch Melilla zum Ziel von Migranten, die von den marokkanischen Behörden unter Druck geraten. Nicht nur die, die zur Rückkehr gezwungen wurden, sondern auch in der Nähe ansässige Jugendliche befinden sich an der Grenze, wo sie sich Straßenschlachten mit der marokkanischen Polizei liefern.

Dieses Bild ging um die Welt. Migranten schwimmen von der marokkanischen Stadt Fnideq aus zur spanischen Nordafrika-Exklave Ceuta. Quelle: YouTube (Ausschnitt)

Einige von denen die in den letzten Tagen illegal eingereist sind und freiwillig nach Marokko zurückkehrten, weil sie in Ceuta nirgendwo schlafen oder essen konnten, gaben an, dass sie es später nochmal versuchen werden, wie einige der spanischen Soldaten auf Patrouille erzählten.

Das ist die Politik in unserer heutigen Welt, in dem der Reichtum weniger auf Kosten des Elends vieler basiert. Diese Menschen wollen eine Zukunft. Sie wollen Arbeit und einen Lohn von dem sie leben können. Es sind meistens junge Menschen, Jugendliche, Frauen mit Kindern, oder einfach ausgedrückt MENSCHEN, die glauben in Europa Arbeit, Sicherheit und eben eine Zukunft finden zu können.

Die wenigsten wissen, dass es auch ein Europa der Armut, der Obdachlosigkeit, der Ausbeutung gibt. Doch es besteht kein Zweifel, dass es in Marokko und den anderen Herkunftsländern dieser Menschen schlimmer ist als in der EU. Während wir in Europa für unsere Rechte und gegen das scheinbar allmächtige Kapital kämpfen, dürfen wir nicht unsere Leidensgenossen im Rest der Welt vergessen. Nur gemeinsam können wir eine gerechte Verteilung der Ressourcen erreichen. Solidarität ist International!

Quellen: Euronews, SIC Noticias, Observador, Wikipedia

Erstveröffentlichung am 24. Mai 2021 auf »InfoWelt«. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers. Bilder und Bilduntertexte wurden ganz oder zum Teil von der Redaktion »RoterMorgen« hinzugefügt.

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1 Kommentar

  1. Dänemark verschärft den Druck in der Migrationspolitik.

    »Die Betroffenen leben in Angst, doch in der Bevölkerung gibt es Zustimmung. Eindrücke aus einer Gesellschaft, die sich längst an Härte gewöhnt hat.«

    Vgl. SPIEGEL-ONLINE *

    Kommentar

    ►Die heutigen Migranten, Kriegsflüchtlinge und Asylanten, Wirtschafts- und Sozialflüchtlinge müssten sich am wirtschaftlichen und sozialen Aufbau in ihren Ländern aktiv beteiligen.◄

    Frühstens nach Erwerb einer beruflichen Qualifikation in Westeuropa, die auch für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung in ihren Heimatländern benötigt wird, müssten sie freiwillig zurückkehren, um sich am gesellschaftlichen Aufbau und der Befreiung ihrer Heimat aus der sozial-ökonomischen Armut beteiligen.

    ►Der persönliche (familiäre) Wunsch nach Konsum und Teilhabe am Lebensstandard und Wohlstand der westeuropäischen Erwerbsbevölkerung beinhaltet noch kein Aufenthaltsrecht. Ebenso keinen Anspruch auf politisches Asyl und damit dauerhafte soziale Versorgung durch das jeweilige Aufnahmeland.◄

    PS: Beruflich qualifizierte Migranten und Asylanten müssen sich an der sozialen und gesellschaftlichen Entwicklung in ihren jeweiligen Herkunftsländern und Regionen beteiligen. Sie dürfen sich nicht dem wirtschaftlichen und sozialen Aufbau entziehen, auch nicht in Syrien, Libanon, Irak und Afghanistan. Auch nicht dem Aufbau der arabischen Staaten Nordafrikas und Zentralafrikas.

    ►Zugleich müssten die arabisch-muslimischen Staaten ihre Monarchien und Golfstaaten in die Pflicht nehmen, beim wirtschaftlichen und sozialen Aufbau in ihren Ländern mitzuwirken, um auch diese Länder und Regionen aus der sozialen Rückständigkeit und Armut zu befreien.◄

    * Vgl. Spiegel-online am 12.06.2021: Dänemarks rechte Migrationspolitik. Härte statt Hygge.
    Dänemark verschärft den Druck in der Migrationspolitik. Die Betroffenen leben in Angst, doch in der Bevölkerung gibt es Zustimmung. Eindrücke aus einer Gesellschaft, die sich längst an Härte gewöhnt hat. Aus Kopenhagen berichten Jan Petter und Jeppe Bøje Nielsen (Fotos).
    Flüchtlinge aus Syrien in Dänemark: Härte statt Hygge – DER SPIEGEL
    https://www.spiegel.de/ausland/fluechtlinge-aus-syrien-in-daenemark-haerte-statt-hygge-a-633f9231-a838-42f1-aa61-00202b9e4bf5

    13.06.2021, Reinhold Schramm

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